Ein wichtiger Beitrag zum Kulturerbe

Musik der Roma und Traveller im englischen Archiv

28. Oktober 2026

Lesezeit: 7 Minute(n)

Die Vaughan Williams Memorial Library (VWML) befindet sich im Cecil Sharp House, einem imposanten Gebäude in einem grünen Vorort im Norden Londons, und ist die Bibliothek ihrer Trägerin, der English Folk Dance and Song Society (die bald in „Folk England“ umbenannt werden wird). Die Bibliothek wurde 1930 gegründet, zeitgleich mit dem Hausbau, um Cecil Sharps persönlicher Büchersammlung ein Zuhause zu geben. Im Laufe der Jahrzehnte wurde sie um neue Veröffentlichungen und Archivmaterialien erweitert und dient heute als Englands nationale Sammlung für Volkslieder und -tänze. Der Zugang zur Bibliothek ist kostenlos und für die Öffentlichkeit zugänglich, ganz im Sinne ihres Auftrags, die Lieder und Tänze der Menschen für ebendiese Menschen zugänglich und auffindbar zu machen.
Text: Tiffany Hore; Übersetzung: Mike Kamp (with a little help from DeepL)

Hinweis vorab: Im Vereinigten Königreich wird der Begriff „Traveller“ üblicherweise für irische und schottische Gruppen mit indigenem Hintergrund verwendet, während der englische Begriff „Romani“ die Nachfahren der Roma bezeichnet, von denen angenommen wird, dass sie im Mittelalter aus Nordwestindien nach Europa gewandert sind und vor etwa sechshundert Jahren in England ankamen. Alle diese Gruppen haben zudem von ihnen selbst verwendete Eigenbezeichnungen. Weitere Details finden sich bei Marsh, Wettermark und Hore in Music and Minorities (2024) oder in der Travellers’ Times.

Betsy Holland mit Baby

Foto: Cecil Sharp, Vaughan Williams Memorial Library

Mit dieser Verpflichtung gegenüber dem Kulturerbe Englands geht die Verantwortung einher, alle zu repräsentieren, die dazu beigetragen haben – einschließlich Minderheiten, die möglicherweise im Verborgenen leben wie beispielsweise Roma und Traveller. Ein gemeinsam mit den Universitäten von East Anglia und Sheffield durchgeführtes und von der University of East Anglia finanziertes Projekt trägt dazu bei, den wichtigen Beitrag dieser beiden Bevölkerungsgruppen zur englischen Folkmusik ins Rampenlicht zu rücken.

Die VWML enthält eine Fülle von Quellen zu Sängern der Roma und Traveller.* Darunter befinden sich auch Stücke aus der Manuskriptsammlung Cecil Sharps. Im August 1907 begegnete dieser in Withypool in Exmoor der 26-jährigen Romni Betsy Holland, was er in einem überschwänglichen Brief festhielt, den er an seine Ehefrau Constance schickte: „Wir … fuhren gerade mit unseren Fahrrädern den Hügel hinauf, als … wir Betsy Holland, 26 Jahre alt, trafen, … die eine Mörderballade anstimmte, die einfach faszinierend war. Volksgesang par excellence! Es war der schönste und charakteristischste Gesang, den ich je gehört hatte. Es war teuflisch schwer, sowohl den Text als auch die Musik zu notieren, aber schließlich haben wir es geschafft! Ich kann dir gar nicht vermitteln, wie das alles war, aber es war eines der wunderbarsten Abenteuer, die ich je erlebt habe. Ich habe das Baby und sie fotografiert …“ (Sharp, 1907).

Priscilla Cooper

Foto: Cecil Sharp, Vaughan Williams Memorial Library

___STEADY_PAYWALL___

Holland hinterließ offensichtlich einen bleibenden Eindruck, und Sharp suchte sie sogar ein zweites Mal auf, um weitere drei Lieder zu sammeln. Wir können uns glücklich schätzen, dass er – was unter den Sammlern der ersten Revivalwelle ungewöhnlich war – seine Sängerinnen oft fotografierte, sodass wir auch eine bildliche Dokumentation der ersten Begegnung haben. Er machte mehrere Aufnahmen von Holland, darunter eine mit dem im Brief erwähnten Baby, bei dem es sich wohl um ihr drittes Kind, John, handelte. Eine weitere zeigt sie sitzend in einem typischen mit Zweigen gefertigten Bogenzelt mit ihren beiden ältesten Söhnen Thomas und Joseph im Alter von sechs und drei Jahren.

Leider verfügen wir über keine Tonaufnahme von ihr, doch die VWML besitzt zwei Wachszylinder mit Aufnahmen einer anderen Romasängerin, Priscilla Cooper, die Sharp später im Jahr 1907 in Stafford Common, East Devon, kennengelernt hatte. Auch wenn die Qualität der Aufnahmen angesichts ihres Alters und der Empfindlichkeit des Mediums erwartungsgemäß schlecht ist, bieten sie doch einen faszinierenden Einblick in eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort. Digitalisierte Versionen können im Archivkatalog der VWML angehört werden.

Es war noch nie so wichtig wie heute, die Geschichten und die Geschichte der Roma und der Traveller auf den Britischen Inseln zu beleuchten. Die Traveller sind in Irland und Schottland heimisch, und die Roma sind seit rund sechshundert Jahren in Großbritannien präsent. Dennoch wird der immense Beitrag, den diese Gruppen zum gemeinsamen britischen Kulturerbe geleistet haben, selten gewürdigt, während populäre Darstellungen der sogenannten „Zigeunermusik“ in den Medien auf exotische Mythen und Stereotypen zurückgreifen, die in der romantischen Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts populär wurden (Marsh, Wettermark und Hore, 2024). Die Bibliothek hat die Möglichkeit, diesen Stereotypen durch ihre umfangreichen Bestände an Aufnahmen von Roma- und Traveller-Sängern entgegenzutreten.

Das Projekt der VWML mit den Universitäten von East Anglia und Sheffield passt daher ideal zum andauernden Bestreben der Bibliothek, die eigene Sammlung neu zu bewerten – gerade in einer Zeit, in der Fachleute aus Bibliotheks- und Archivwesen die jeweilige Geschichte hinter ihren Beständen hinterfragen. Es gibt viele Gründe, warum bestimmte Gruppen in Bibliotheks- und Archivsammlungen an den Rand gedrängt wurden; viele davon hängen mit Thementhesauren und Klassifikationsschemata zusammen, die oft zu einer Zeit erstellt wurden, als Großbritannien noch eine Kolonialmacht mit einer ganz anderen Denkweise war. Es gibt jedoch auch sehr praktische Gründe, warum der Beitrag von Roma- und Travellersängern und -sängerinnen zur englischen Folkmusik bei einer Suche im Archivkatalog der VWML nicht zum Vorschein kommt: Es gibt keine thematische Erschließung und kein Feld, in dem Merkmale wie die ethnische Zugehörigkeit erfasst werden.

„Es war noch nie so wichtig wie heute, die Geschichten und die Geschichte der Roma und der Traveller auf den Britischen Inseln zu beleuchten.“

Im Gegensatz zum Archivkatalog weist der Bibliothekskatalog dieses Problem nicht auf, da er über einen integrierten Thesaurus mit Schlagwörtern verfügt. Die VWML entwickelte sich in erster Linie als Bibliothek auf der Grundlage der Büchersammlung einer einzelnen Person, Cecil Sharp, und ohne Archiv. Als Archivbestände nach und nach der Bibliothek übergeben wurden, wurden sie wie Bibliotheksmaterialien behandelt und nach Liedern und Tanzmelodien indexiert, wobei die traditionellen Archivbeschreibungsmerkmale außer Acht gelassen wurden.

Die einzige Möglichkeit, Aufnahmen von Roma- und Travellersängern und -sängerinnen zu finden, besteht darin, bereits vorab einige Namen zu kennen. Dies erfordert entweder weitere Recherchen im Bibliothekskatalog oder den Kontakt zu jemandem, der einem diese Namen nennen kann. Die Ergebnisse des aktuellen Projekts zielen darauf ab, diese Hürde zu überwinden, indem den Nutzenden diese Namen zur Verfügung gestellt und sie mit Schallplatten, Audiodateien und Fotos verknüpft werden, ohne dass Vor- oder fortgeschrittene Kenntnisse erforderlich sind.

Liza Mortimer in der Vaughan Williams Memorial Library

Foto: Filmstill aus 'A Basket Full of Eggs'

Das Projekt wurde 2022 ins Leben gerufen. Das Team begann mit einer Zusammenarbeit mit der Romadichterin und Wissenschaftlerin Jo Clement, die eine frei zugängliche Informationsquelle erstellte, in der einige der relevanten Sammlungen vorgestellt werden. Mithilfe von QR-Codes, die Fotos mit Tonaufnahmen verknüpfen, sollte die Informationsquelle insbesondere dazu beitragen, die Bibliothek und die Archive für Menschen zugänglicher zu machen, die ihre eigene Familiengeschichte erforschen. Die zugrunde liegenden Probleme im Zusammenhang mit den Stimmen der Roma und Traveller in Archivbeständen werden ausführlich in einem wissenschaftlichen Artikel behandelt, der 2024 von Hazel Marsh, Esbjörn Wettermark und der Leiterin der VWML und des Archivs, Tiffany Hore, unter dem Titel „Calling out the Catalogue: Romani Gypsy and Traveller Singers in an Archive of English Folk Song“ im Magazin Music and Minorities veröffentlicht wurde.

„Der immense Beitrag der Roma und Traveller zum gemeinsamen britischen Kulturerbe wird selten gewürdigt.“

Das jüngste und bislang umfangreichste Ergebnis des Projekts ist ein neuer Kurzfilm mit dem Titel A Basket Full of Eggs, der im Oktober 2025 beim Internationalen Roma-Filmfestival Ake Dikhea? in Berlin uraufgeführt wurde. Regisseurin und Produzentin des Films ist Lisa Smith, die Gründerin von Patrin Films, der ersten von Roma geführten Produktionsfirma Großbritanniens. Sie beleuchtet darin ebenfalls die Bedeutung der Roma und Traveller für die Entwicklung des Folksongs in England, in ihrem Fall aus einer persönlicheren Perspektive.

Jo Clement

Foto: Kev Howard

Der Film begleitet die Romajournalistin und Aktivistin Liza Mortimer auf ihrer persönlichen Reise in die Archive, wo sie Aufnahmen und Geschichten ihrer Urgroßmutter Minty Smith sowie anderer Romafolksängerinnen entdeckt, die maßgeblich zur Bewahrung traditioneller englischer Volkslieder beigetragen haben. Sie war auf der Suche nach einem Einblick in das Leben ihrer Urgroßmutter, doch was sie fand, übertraf ihre Erwartungen bei Weitem: ein reichhaltiges, vielschichtiges Erbe aus Stimmen, Liedern und kulturellen Einflüssen der Roma. „Die Lieder und Stimmen meiner Familie in den EFDSS-Archiven zu hören, hat mich mit tiefem Stolz erfüllt“, sagt Mortimer. „Dieser Film erinnert uns eindringlich daran, dass unsere Geschichten nicht nur persönlich sind – sie sind Teil einer reichen kollektiven Geschichte, zu der wir nun wieder Anschluss finden müssen.“

Lisa Smith

Foto: Promo

Dieser Film ist mehr als nur eine Hommage an die Vergangenheit einer Familie. Er ist ein Aufruf, den anhaltenden Einfluss der Roma auf die kulturelle Klanglandschaft Großbritanniens anzuerkennen und ihm die gebührende Würdigung zukommen zu lassen. Er zielt darauf ab, die zentrale Rolle hervorzuheben, die Roma und Traveller bei der Entstehung dessen gespielt haben, was viele als „traditionelles englisches Volkslied“ betrachten.

Der Film wurde bereits vielfach in lokalen Gemeinschaften gezeigt und wird in den kommenden Monaten öffentlich im Cecil Sharp House in London sowie in verschiedenen anderen Städten und Veranstaltungsorten zu sehen sein. Für weitere Informationen zu den Sammlungen der VWML und den bevorstehenden Vorführungen im Cecil Sharp House wenden Sie sich gerne an tiffany@efdss.org; für Details zum Forschungsprojekt kontaktieren Sie die Projektleiterin Professorin Hazel Marsh unter hazel.marsh@uea.ac.uk.

Tiffany Hore

Foto: English Folk Dance and Song Society

Tiffany Hore hat Geschichte sowie Bibliotheks- und Informationswissenschaft studiert und leitet seit 2020 die Vaughan Williams Memorial Library. Zudem ist sie Mitglied im Führungsteam der English Folk Dance and Song Society.

Dieser Artikel entstand auf Basis wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit Hazel Marsh (University of East Anglia) und Esbjörn Wettermark (University of Sheffield) und geht zurück auf einen Beitrag, der zuerst im Dezember 2025 in der Zeitschrift English Dance and Song erschienen ist.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung

L